100 Jahre Radio – eine atemberaubende Geschichte


Sehr geehrte Damen und Herren,

heute vor genau 100 Jahren, am 22. Dezember 1920, sendete es zum ersten Mal, das Radio – aus dem beschaulichen Königs Wusterhausen bei Berlin – in Deutschland. Ein neues Medienzeitalter begann und über das Medium Radio sollte über Ereignisse aus der ganzen Welt – mit einer hohen kulturellen und politischen Bedeutung – berichtet werden. Es sollte noch sehr lange dauern, bis andere Medien wie z.B. das TV oder das Internet, dem Radio den Rang ablaufen sollten. Aber hat es das wirklich? Nun kann man die Blütezeit des Radios nicht mit der heutigen Zeit vergleichen (waren doch bis zum Massenmedium TV nur Zeitungen als Konkurrenten aktueller Meldungen vorhanden). Und viele Haushalte hatten noch bis in die 50er Jahre hinein (zumindest in Deutschland) kein Radio bzw. nicht mal ein Telefon, um wenigstens per Empfehlungsmarketing (Mundpropaganda) eine Information über einen technisch unmittelbaren Weg zu verbreiten. So stellten Radiosender – meist nur wenige in großen Städten – ein buntes, aber anspruchsvolles Programm zusammen. Auch deshalb, weil der Tag nur 24-Stunden hat und irgendwie der Versuch unternommen wurde, allen gerecht zu werden. So gab es auch kein Spartenradio und auch nicht die Unterscheidung zwischen Musiksender mit Nachrichtenanteil oder Nachrichtensender mit Musikanteil.  

Radio – Ein fundamentales Medium

Das Radio wurde jedenfalls ab 1920 zum fundamentalen Medium aktueller Ereignisse. So berichtete ein Reporter über das Unglück des Zeppelin LZ 129 „Hindenburg“, welches 1937 bei der Landung in Lakehurst (New Jersey, USA) zerstört wurde, als sich die Wasserstofffüllung entzündete. Ein Drama, bei welchem die Zuhörer live dabei waren. Selbstverständlich wurde das Radio auch genutzt, um über positive Ereignisse zu berichten, wie z.B. die Uraufführung von George Gershwins „Rhapsody in Blue“ 1924 oder Glenn Millers „Moonlight Serenade“, direkt aus einem Tanzclub auf Long Island/New York im Jahre 1939. Die Musik sollte schließlich im Radio den Ton angeben.

American Forces Radio and Televison Service

So wurde Musik aber auch der Ausdruck der Freiheit, als der AFN London ab dem 4. Juli 1943 aus den BBC-Studios die Befreiung Europas ankündigte. Und schließlich am 4. August 1945 der American Forces Network direkt aus Berlin erstmalig sendete und das Eröffnungsmusikwerk – wie konnte es auch anders sein – „Rhapsody in Blue“ von George Gershwin war. Für alle Zuhörer – mindestens in den westlichen Zonen – war in diesem Moment klar, dass die Demokratie, die Freiheit und die Menschlichkeit über die Tyrannei gesiegt hatte und endlich eine neue Zeit anbrach. Aber die Freiheit sollte auch stets ein Wesen des Radios bleiben.

Piratensender und der Widerstand für Freiheit und Menschlichkeit

So konnte die Jugend in den 60er Jahren auf einen Verbündeten setzen: dem Piratensender Radio Caroline, welcher von einem Schiff aus – gelegen in der Nordsee – ab dem 28. März 1964 die konservative Gesellschaft Englands ärgerte und die Jugend dafür entzückte. Erst Anfang der 1990 Jahre sollte dieser Sender seine offizielle Anerkennung und Zulassung erhalten; die britische Gerichtsbarkeit letztlich vor der Freiheit und dem Radio kapitulierte (später verfilmt unter dem Titel:The Boat That Rocked/Radio Rock Revolution).  

Und so sollte später auch ein Radiomoderator, Adrian Joseph Cronauer, Geschichte schreiben, welcher gegen seine Vorgesetzten aufbegehrte und ein Radioprogramm im AFN Saigon/Vietnam initiierte, und ein Zeichen gegen den Krieg und die Unmenschlichkeit setzte. Später wurde diese mehr als bemerkenswerte Geschichte ebenso verfilmt (Film „Good Morning Vietnam“).

So beeinflusste das Radio in „besonderen Zeiten“ im positiven Sinn ganze Gesellschaften. So war der AFN Berlin (American Forces Network Berlin) maßgeblich an der Vermittlung aller bekannten musikalischen Stilrichtungen in dieser Stadt und Umgebung nicht nur beteiligt, setzte dieser Sender den Maßstab – mindestens durch sein Exklusivrecht der weltweiten Erstveröffentlichungen; so beeinflussten Moderatoren wie Rik De Lisle, Dan Simmons, Steve Kostelac und Jim McCauley von 1976 – 1984 die Clubszene so nachhaltig, das davon diese Stadt bis heute profitiert und das Image des freiheitlichen Berlins in der Welt auch dadurch bekannt wurde. So war es dann auch der AFN Berlin, welcher der erste Sender war, der von der Maueröffnung 1989 live vor Ort berichtete.

So ist Radio nicht nur Kulturgeschichte. Es bleibt ein einzigartiges Medium. Und dass schon deshalb keine Konkurrenz zu fürchten hat, weil ein einfaches Radio zu bauen man schon in der Schule lernt. Und ein Senden und ein Empfangen immer möglich ist. Auch unter widrigsten Bedingungen. Und Grenzen nicht gesetzt werden können.

Dr. Nikolaus Andre

AFN Berlin – The Juice – Jim McCauley:

www.afn-the-juice.de
www.afn-juice-1982.de
www.soul-jazz.de

70 Jahre AFN (Radioshow):
https://soundcloud.com/afneurope/afn-europe-reflections-70

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