Wenn der Strom ausbleibt

Bilder ohne Strom

Bilder ohne Strom

Gerne greifen Historiker*innen zu Bildern aus Archiven oder finden diese auf Flohmärkten – resultierend privater Bestände, um Ihre Forschungsarbeiten zu untermauern oder Buchwerke mit diesen Bildern auszustatten. Bekannterweise werden historische Vorgänge durch Bilder ausdrucksstärker und jene Vorkommnisse visuell verbessert erklärbar. Diese Bildaufnahmen finden sich jedenfalls nicht selten im Originalabzug auf Fotopapier, auf Filmrollen, Mikrofilm oder auf Bildplatten in staatlichen Archiven, Museen und Privatsammlungen. An Geschichte Interessierte können auf unterschiedliche Arten gesicherter Daten zurückgreifen. Neben den staatlichen Archiven – wie erwähnt – tummeln sich am Bildmarkt eben auch eine Fülle an privaten Sammlern und Sammlerinnen, welche einen Schatz der Geschichte besitzen – eben in Bildern – und diese dem freien Markt anbieten. So lernten wir z.B. einen amerikanischen Historiker kennen, der über die Geschichte der türkischen Garnison, seiner Mitglieder und Familien recherchierte, welche in Berlin während der Wilhelminischen Zeit – im Rahmen der politischen Verbundenheit des Deutschen und des Osmanischen Reichs – in dieser Stadt stationiert waren und deren Nachkommen bis heute in Berlin leben. Das Fotomaterial – das überwiegend von Privatiers auf Flohmärkten angeboten wurde, gab auch preis, dass diese Garnison sogar mit der preußischen Armee gemeinsam über den Kurfürstendamm paradierte. Aber auch, dass ein kulturelles Leben dieser Truppe und ihrer Angehörigen in Berlin bestand. Und unabhängig davon, ein Blick in jene alten Fotoalben die Vergangenheit visuell offenbarte und den Betrachter in jene Zeit der Aufnahmen, der Geschehnisse, zurückversetzte. Im Wortsinn greifbar, haptisch erfahrbar.

Und wie gestaltet sich heute die Datensicherung im privaten und auch auf unternehmerischer Seite überwiegend?

Festplatten, Sticks, Datenchips, Server (Clouds) und somit auch Endgeräte wie PCs, MACs, Tablets oder Mobiltelefone sind heute offenbar die privaten Massendatenspeicher und die Erreichbarkeit für jüngeres und zukünftiges Bildmaterial. Aber wie steht es heute um die dauerhafte Datensicherung? Gemeint ist, in welcher Art und Weise – für eine Nachwelt in 100 Jahren – die Daten gesichert werden? Und sei es nur für private Zwecke im Sinne der Erstellung eines Fotoalbums? Wo sind z.B. die Fotos geblieben, welche die Zeit ab den 2010er Jahren dokumentierten? Mal im Ernst gefragt, aber wie viele von Euch haben noch die Fotografien von vor 10 Jahren aufbewahrt, welche mit den ersten Digitalkameras oder schon mit der ersten Generation an Smartphones aufgezeichnet, fotografiert wurden? Und wie oft hat man sich gemeinsam z.B. als Familie in jüngerer Zeit zusammengesetzt, um sich diese Bilder anzuschauen und dann in besonderen Ereignissen eigener familiärer Vergangenheit zu schwelgen?

Was könnte passiert sein?

ZIP-Diskette 100 MB Datenspeicher

Fotos wurden u.U. aus Platzgründen von den Endgeräten z.T. gelöscht. Wichtige Speicher-Sticks, Speicher-Chips oder die externe Festplatte verschwanden beim letzten Umzug. Mit der Anschaffung der neuen Computer-Generation enthielten die o.g. Speichermedien nur noch Hieroglyphen, Datenbrei (anstelle von Bilddateien), aufgrund einer Virenverseuchung oder elektromechanischer oder -magnetischer Störeinflüsse. Eine Sicherung auf CD-ROM wurde nicht vorgenommen. Und das Tablet? Es ging zwar noch, funktionierte aber nicht mehr, weil die Updates aus Altersgründen des Geräts verweigert wurden – und der Datenabruf mangels zulässiger Verbindung zum Server nicht mehr funktionierte. Und das möglicherweise nur deswegen, weil eben jener Provider (welcher den Server hostete) so nicht mehr existiert bzw. man nach einem gelungenen Login bitterlich feststellen musste, dass ein Hackerangriff zwar Bilder hinterließ, jedoch ausschließlich mit Motiven illustriert lachender Totenköpfe – in ganzer Farbpalette. Oder die eine sehr wichtige E-Mail-Nachricht „Ihre Cloud wird ab 01.12.2020 aus betrieblichen Gründen geschlossen“ im Spam-Ordner ungesehen verschwand oder als lästige Pop-Up-Werbung auf dem Mobiltelefon – in englischer Sprache – fälschlicherweise nicht ernsthaft wahrgenommen und schließlich weggeklickt wurde. Und das ältere Smartphone (letzte Hoffnung) nicht mehr reagierte, weil das Format des austauschbaren Akkus nicht mehr existiert, der alte Akkumulator nicht mehr aufladbar war und die SIM-Karte und das Betriebssystem mangels Aktualisierung/Updates sowieso keine Funktion mehr hatte.

Solche Geräte und Speichermedien fanden – seien wir ehrlich – nicht selten den Weg zur Müllhalde. Und viele Jahre der Erinnerung, viele Bilddaten der Vergangenheit, verschwanden „ungewollt“ für immer.

Die Kombination aus Bequemlichkeit und Nachlässigkeit, genährt durch die eine Abhängigkeit, neueste Geräte in einem bestimmten Turnus sich anschaffen zu müssen – bei gleichzeitiger Verfolgung durch die Geräte-Obsoleszenz, wohl eine weitere Ursache des Datenverlusts ist.  

Leben wir jetzt in der Zeit spurlos verschwundener Erinnerungen?

Zumindest schonmal dann, wenn der Strom (der Zufluss an Daten) ausfällt. Denn dann nützen die schönsten Geräte auch nichts mehr, welche einen Datenabruf nur mit Hilfe von Strom möglich werden lassen (soweit man sich nicht um eine stete externe Datensicherung kümmert plus einem hauseigenen Stromspeicher).

Öffentlichen Strom gibt es in Mitteleuropa jedoch in ausreichender Größenordnung. Noch! Die Frage nach der Energie kann jedoch nicht eine weitere Ursache für eine verschwundene Gewohnheit sein, nämlich der, dass das gemeinsame Anschauen von Bildern aus der Vergangenheit nicht mehr praktiziert wird (manchmal sogar mit einem Diaprojektor)? Oder ist es vielmehr so, dass die schnelle Erstellung eines Datensatzes – und auch das Löschen (aber nicht das Ausdrucken oder Entwickeln lassen) – die eigentliche Ursache in dieser heutigen, schnelllebigen Gesellschaft ist? Oder ist es auch dem Umstand geschuldet, dass man sich selbst und seine Lieben nicht mehr so wichtig nimmt? Oder weil das unmittelbare und aktuelle Ereignis ausschließlich als nur der Wert empfunden wird und das Vergangene nicht mehr? Und nur deshalb, weil es der Mangel an Zeit nicht mehr erlaubt?

Ist es etwa vielleicht heute so, dass Erinnerungen als solches ihre Wichtigkeit in der Breite verloren haben?

Sicher ist, dass Historiker*innen ihre Mühe bereits jetzt schon haben, unterschiedliches Bildmaterial bestimmter Ereignisse – eben digital einstmals gesichert – aufzufinden, weil die Personen, welche den Löschknopf drückten, nicht mehr damit beschäftigt waren gedrucktes Bildmaterial zu erschaffen, zu archivieren, sondern vielmehr selbst die Entscheider waren, was an digitalen Daten gelöscht gehört bzw. gelöscht werden soll. Und das auf Nimmerwiedersehen. Eben frei und im persönlichen Recht.

Und so birgt diese Zeit eine andere Gefahr!

Denn diejenigen Personen, welche löschen oder löschen lassen, offenbar die Herrscher*innen der Vergangenheit sein könnten oder vielleicht schon sind, soweit dritte Personen nicht (rechtzeitig) das Datenmaterial sichern – oder für historisch relevante Daten ein rechtlicher Rahmen zur verpflichtenden Datensicherung besteht. Öffentlich sowieso.

Dem Schriftsteller Walter Kempowski – als Beispiel – gelang hingegen ein historisches Meisterwerk mit dem Titel „Echolot“. Dieses Buchwerk bzw. vielmehr eine Sammlung konnte nur entstehen, weil tausende von Privatpersonen ihre Bilddaten und persönlichen Aufzeichnungen – wie auch Briefe – ihm zur Verfügung stellten. Der Autor hatte noch Glück, das diese Daten nicht einfach „per Knopfdruck“ gelöscht werden konnten (diese Generationen auch kein Interesse daran hatten, diese Erinnerungen „zu löschen“, in dem sie das physische Material – aus der Zeit vor der Digitalisierung – zerstörten). So entstand ein historisches Werk, das die Geschichte im Zeitraum der letzten hundert Jahre – aus den persönlichen Aufzeichnungen und Bildern der sogenannten „einfachen“ und „kleinen“ Leute – erzählt und somit sich näher an der Historie dieser vergangenen Zeit bewegt, als manches renommierte historische Nachschlagwerk, welches die Geschichte aus einem größeren Blickwinkel von Politikern, Historikern, Juristen usw. beschreibt. Zumindest eine andere Sichtweise eingenommen ist.    

Wie wird es den Historikern*- und Buchautor*innen der Zukunft ergehen?

Niemand kann in die Zukunft blicken. Doch eines ist sicher, digitale Daten werden eine Auswahl dessen darstellen, was nicht gelöscht wurde. Und Landesarchive erfassen eben nicht alles (der im Eingang des Artikels genannte amerikanische Historiker fand das meiste Bildmaterial – analoger Form – auf Flohmärkten und in Privatsammlungen). Was also heute gelöscht wird und wurde, bleibt im Raum der Spekulation. Es sei denn, dass der Ausdruck bzw. die Entwicklung des Fotos auf Fotopapier nicht in Vergessenheit gerät, und die Datenbesitzer besonnen mit ihrem Datenmaterial umgehen (soweit technisch später eine Wiederverwendbarkeit möglich sein soll).

Die Vergangenheit der Datensicherung hat die Historiker*innen jedenfalls eines gelehrt: Wer die Macht über die Datenerfassung besitzt, wird die Vergangenheit auf bestimmte Art und Weise erzählen und interpretieren können. Und das für sehr lange Zeit. Aber nicht unbedingt immer aufrichtig und faktenbasiert.

So findet man z.B. in der ägyptischen Antike in Stein gemeißelte Geschichten über den Sieg des Pharaos über seine Feinde, obwohl es in Wirklichkeit keinen Sieg gab. Aufschluss über das reale Geschehen schließlich andere Quellen aus dieser Zeit den (in Stein gemeißelten) Schwindel als das offenbarten, was es ist: eine Schwindelei. In diesem Fall allerdings erst mehr als 2000 Jahre später.

Wie sensibel die Datensicherung in jüngerer Zeit ist, erkennen die Personen der Natur älterer Semester daran, dass ein Floppy-Disc-Werk, Diskettenlaufwerk oder CD-ROM-Laufwerk schon länger nicht mehr in Geräten der Art eines PCs oder MACs neuester Generation vorhanden ist bzw. von den Herstellern „all in one“ zur Verfügung gestellt wird, um eben alte Daten auszulesen. D.h. dass die digitale Datensicherung jetzt schon längst eine Frage der Existenz der Wiedergabegeräte ist (mit welchen diese Daten abgerufen werden können). Und wenn diese Daten nun auf externen Datenträgern gesichert in z.B. 20 Jahren nicht mehr abrufbar sind?

Die Frage ist, ob die Historiker*innen von heute – und auch Privatperson – generell auf die Clouds oder auf digitale Datenspeichergeräte vertrauen wollen. Vorausgesetzt, dass der Strom natürlich vorhanden ist, jene Provider die Daten nicht „aus Versehen“ löschen oder schon gelöscht haben, dass diese noch in 20 Jahren existieren und die Bilder freiwillig heraus- und freigeben.

Wie sehen es staatliche Institutionen?

Die staatlichen Archive vertrauen ausschließlich diesen Technologien nicht – und ihren Anbietern ebenso wenig. Schon aus urheberrechtlichen Gründen. Und wie aus der jüngeren Vergangenheit bekannt ist, die Urheberrechtsfrage nach wie vor – bei bestimmten Anbietern – ungeklärt ist oder das Recht auf das eigene Bild gerichtlich noch erstritten werden muss – obwohl in Deutschland die Rechtslage eindeutig ist (dieser Umstand aber bestimmte Provider mit Sitz z.B. in Irland irgendwie nicht interessiert).

Die freie Entscheidung

Nun kann jeder für sich frei entscheiden, wie der Umgang mit den eigenen Daten aussehen soll. Eine gesicherte Archivierung von Bildmaterial – so beweist es die Geschichte – erfolgte jedenfalls haptisch und nicht virtuell. Und was waren doch die Familien- und Freundestreffen bei Kaffee und Kuchen doch so schön, wo das Fotoalbum rumgereicht wurde (und das ganz ohne Zuhilfenahme von Strom und sozialen Medienplattformen). Oder vielleicht doch nicht?

By the way, die Fotografien wurden vor der Zeit der Digitalisierung analog erstellt. Der Fotoapparat hatte keinen Akku und keine Batterien. Und sogar von der Spitze des Mount Everest – auch aus heutiger Sicht – wurden exzellente Bilder hervorbracht. Aber auch direkt vom Mond. Auf Film. Und Fotolabore entwickelten die Bilder und diese Dienstleistung gibt es noch. Und dennoch sind diese Aufnahmen heute auch digitalisiert und z.T. über die neuen Medien veröffentlicht worden. Was spricht also dagegen, die analoge und digitale Datensicherung gleichermaßen zu betreiben?

Beispielsweise werden in der Musikwelt die Musikwerke, die Kompositionen, u.a. auf Notenpapier gesichert. Denn nur so besteht die Gewähr, das mit einem Musikinstrument diese Musik auch in späteren Jahrhunderten wieder hörbar gemacht werden kann (was die klassische Musik beweist) – indem ein oder mehrere Musiker diese Musik spielen, nach Noten musizieren. Und die Wiedergabe eben ohne Strom, ohne Provider, ohne Clouds, ohne Abspielgeräte und ohne Datensicherungsträger usw. erfolgt.

Wir finden, dass die stromfreie Datensicherung deshalb auch für Bildmaterial gelten sollte. Aus Gründen der Sicherheit. Aus sozialen Gründen. Aus historischen Gründen. Und wenn man den Begriff „Strom“ als Zufluss von Materie, Informationen, Bildmaterial verstehen will, dann sollte der Strom auch nie ausbleiben.  

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© Artikel „Wenn der Strom ausbleibt“ veröffentlicht am 13.06.2021.

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